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Island-Krimi
Es war meine Schuld

von Sjöfn Müller Thór

21 x 13 cm, Hardcover, 280 Seiten
ISBN 978-3-935873-63-5
17,90 €

Agnes hat ihre Schuld bereits gestanden. Nun soll sie mit ihrem jungen Anwalt, Magnus Runarsson den Mordprozess vorbereiten. Während dieser langsam den Fall und seine wortkarge Mandantin kennenlernt, beschleicht ihn das dumpfe Gefühl, dass manche ihrer Aussagen einfach keinen Sinn ergeben. Je mehr er recherchiert, desto argwöhnischer wird er. Unterdessen betet Agnes in ihrer Gefängniszelle, dass ihr Anwalt den Fall schnell zum Abschluss bringt. Weil sie fest entschlossen ist, ihr verborgenes Geheimnis über den Tod ihrer Tochter zu wahren. Denn sie ist schuldig.
Ein spannendes Psychogramm einer tragischen Mutter-Tochter Beziehung.

>Presseartikel Aachener Nachrichten

Über die Autorin

Mueller_Thor_Island_Krimi

Sjöfn Müller Thór
ist im westlichsten Dorf Europas, in Patreksfjörður, geboren und aufgewachsen. Ein kleines Dorf am Rande der Welt mit zwei Nachbardörfern, die noch kleiner sind; eines davon hinter einem Berg, das zweite zwei Berge weiter. Nach einer glücklichen Kindheit, in der es wichtiger war, Polarlichtern zuzusehen als dem Fernsehen, ging die Autorin mit 16 auf ein Internat. Nach dem Abitur studierte sie Theologie und wurde Pfarrerin. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Inden am Nordrand der Eifel.


Leseprobe

Prolog

Seine Füße waren schwer, seine Last noch schwerer. Obwohl er nur einen leichten Rucksack trug, fühlte er sich, als ob er die ganze Welt auf seinen Schultern trüge. Wie Atlas. Er ging hinaus in die Nacht, vorsichtig, um niemanden zu wecken. Es war wichtig, nicht gesehen zu werden. Dankbar, dass die Nächte wieder länger und dunkler geworden waren, aber er musste dennoch bis nach Mitternacht warten. Aber das war ihm egal. Er ging hinaus auf die Veranda, noch ein paar Schritte und dann würde er auf Schotter laufen und es wäre viel schwieriger keine Geräusche zu machen. Er dachte darüber nach, die Schuhe auszuziehen, als das Licht anging. Er hatte die Bewegungsmelder vergessen. Er stand still, sein Herz klopfte, das Adrenalin schoss durch seinen Körper. Er wartete da­rauf, dass die Hunde anfangen würden zu bellen, aber es blieb ruhig. Er atmete tief ein und machte die ersten Schritte hinein in die Nacht. Die Lichter schalteten sich bald wieder ab. Er schaute nicht zurück, darum sah er die Person nicht, die ihn aus dem Schlafzimmerfenster beobachtete. Bald hatte ihn die dunkle Nacht verschluckt, nicht schlimm, denn er kannte seinen Weg. Er hatte sein ganzes Leben hier gelebt und war diesen Weg tausende Male gegangen. Er fand den Pfad, über Jahrhunderte ausgetreten von den Schafen.

Der Pfad war gerade so schmal, dass er einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Er fühlte die Kälte der Nacht auf seinen Wangen. Nicht mehr lange, und es würde nachts anfangen zu frieren. Vor zwei Jahren hatte der Winter schon am ersten Septemberwochenende mit starken Schneefällen begonnen und die Schafe hatten sehr gelitten. Es war schrecklich gewesen, die Hälfte ihrer Schafe ging verloren. Das Bild der erfrierenden und im Schnee erstickenden Lämmer hatte ihn lange verfolgt. Aber jetzt verfolgte ihn etwas viel Schlimmeres. Er spürte Tränen, die seine Wangen hinunterliefen. Er wischte sie weg, wütend auf sich selbst. Es war wichtig, jetzt seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Er wusste, es würde viel sinnvoller sein, die Beweismittel, die er im Rucksack bei sich trug, zu zerstören. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen. Es war das letzte, was ihm von ihr geblieben war. Bald erreichte er die Hütte. Hier war es so still. Er war oft hier gewesen, seit sie leer stand, aber dann war da immer noch der Wunsch, dass sie sich wieder mit Leben füllen würde… Jetzt erschien ihm die Hütte selbst wie tot.
Sie würde nie mehr zurückkommen. Sie würde nie wieder die Räume mit ihrem verschmitzten Lächeln und wildem Temperament füllen. Er konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Angst. Er fühlte einen kalten Schauer den Rücken hinunterkriechen, während er sich dem Haus näherte. Der Wind kühlte seinen verschwitzen Körper. Er konnte das Meer hören. Seine mächtigen Wellen brachen sich auf dem weichen Sand. Es war ein deprimierendes Geräusch, wie der Spruch, eine freundliche Antwort könne Ärger besänftigen. Das verärgerte Meer bekam immer eine weiche Antwort vom Sand. So war er nicht. Er war mutig und stark, nichts konnte ihn weich machen.

Er ging den Weg zum Schuppen. Wie immer war dieser nicht abgeschlossen. Er war an die Hütte angebaut, deren Steinwand der einzige Schutz gegen den Wind war, der sonst von allen Seiten seinen Weg ins Innere fand. In der hintersten Ecke des schon verfallenden Schuppen fand er, wonach er gesucht hatte. Die Kommode war alt, aber immer noch stabil. Man hätte meinen können, sie wäre aus Stahl. Aber sie war aus solidem alten Holz, mit guter alter Bootsfarbe angestrichen. Nichts würde sie zerstören. Er zog vorsichtig an der untersten Schublade. Sie war überraschend schwer und bewegte sich keinen Millimeter. Er versuchte es mit mehr Kraft, erfolglos. Er nutzte seine ganze Kraft und schließlich gelang es ihm, die Schublade so weit aufzuziehen, dass er seine Hand hineinzwängen konnte, um einen besseren Zugriff zu bekommen. Er musste noch ein paar Mal ziehen, bis es ihm schließlich gelang, einen Blick in die Schublade zu werfen. Er leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe hinein. Kein Wunder, dass die Schublade schwergängig war. Sie war wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden. Darin lagen alte und verrostete Werkzeuge, Schraubenzieher und Hämmer, Nägel und Zangen, längst vergessen. Sie lagen dort, seit das alte Ehepaar in die Stadt ins Altenheim gezogen war. Das Holz der Kommode hatte sich verzogen und machte das Öffnen noch schwieriger. Er setzte sich auf den Fußboden, stemmte seine Füße gegen den oberen Teil der Kommode und zog noch einmal mit aller Kraft. Schließlich gab die Schublade nach und er konnte sie ganz herausziehen. Unter der Schublade fühlte er die feuchte Erde. Die Einweckgläser würden hier sicher sein. Niemand würde jemals auf die Idee kommen, an diesem Ort danach zu suchen. Dann begann er damit, die Schublade wieder in die Kommode zu manövrieren. Er war ziemlich außer Atem, als es ihm endlich gelungen war, die widerspenstige Lade zurück an ihren Platz zu bringen. Er setzte sich hin, sein Rücken gegen die Kommode gelehnt und ruhte sich einen Moment aus. Dann stand er wieder auf, streichelte die Kommode wie einen alten Hund, drehte sich um und begab sich auf den Rückweg, hinein in die Finsterniss. Sein Herz fühlte sich etwas leichter an. Er war sicher, dass sie mit dem zufrieden gewesen wäre, was er gerade getan hatte. Wie geschickt er die Vergangenheit versteckt hatte, ohne die Erinnerungen zu zerstören.




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